Ein dänischer Astronom, Astrologe und Alchemist, der dazu beitrug, Prag zu einem der weltweit wichtigsten Zentren der Wissenschaft zu machen. Seine präzisen Beobachtungen der Himmelskörper schufen die Grundlage für Keplers Entdeckungen, welche wiederum eine Revolution in der Erkundung des Weltalls auslösten, die bis zu Flügen durchs Weltall führen sollte. Tyge Ottesen Brahe, dieser allseits Tycho genannte Sprössling eines altehrwürdigen dänischen Adelshauses, hatte sich seit Jugendtagen leidenschaftlich mit der Astronomie befasst. Er hatte an einer Reihe von europäischen Universitäten studiert, darunter die von Rostock, wo er mit seinem Kollegen Manderup Parsberg in Streit darüber geraten war, wer von ihnen der größere Mathematiker sei. Es kam zu einem Degenduell, bei dem Parsberg Brahe den Großteil seiner Nase abschlug. Die zwei Duellanten wurden lebenslange Freunde, und Brahe trug bis zu seinem Tod eine Nasenprothese, gefertigt aus einer Legierung von Gold und Silber. Mit großzügiger Unterstützung durch den dänischen König Frederik II. errichtete Brahe auf der Ostseeinsel Hven das damals modernste europäische Forschungszentrum Uranienborg, welches ein astronomisches Observatorium, eine meteorologische Beobachtungsstation und ein Alchemielabor in sich vereinte. Brahe entwarf außerdem ein Modell des Weltalls, welches einen Kompromiss zwischen dem geozentrischen und dem heliozentrischen System suchte; in ihm kreisen Sonne, Mond und das Firmament um die Erde, während die fünf damals bekannten Planeten (Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn) die Sonne umlaufen. Nach Frederiks Tod kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Tycho Brahe und dem neuen König Christian IV., so dass Brahe schließlich das Angebot des römischen Kaisers und böhmischen Königs Rudolf II. annahm, er möge sein Hofastronom werden. Tycho Brahe traf im Jahre 1600 in Prag ein und bezog Quartier im Gasthof „Zum goldenen Greif“ in einem der schönsten Winkel des alten Prags, der seit Menschengedenken Neue Welt genannt wird. Im selben Jahr folgte der bedeutende deutsche Mathematiker, Astrologe und Astronom Johannes Kepler Brahes Einladung nach Prag, er möge dessen Assistent werden. Während Brahe die Himmelskörper beobachtete, stellte Kepler anhand der Ergebnisse dieser Beobachtungen Berechnungen an, aus denen er später seine berühmten Gesetze über die Bewegungen der Planeten herleiten sollte, trug außerdem aber auch einen hochgeschätzten Sternkatalog zusammen, der zu Ehren des Mäzens Kaiser Rudolf den Namen Rudolfinische Tafeln trug. Brahe beobachtete den Himmel noch mit bloßem Auge, allein unter Zuhilfenahme riesiger Quadranten und Sextanten, von denen die größten fast zwei Meter lang waren. Ein aus Glaslinsen zusammengesetztes Fernrohr verwendete erstmals Galileo Galilei in der Astronomie, fast sieben Jahre nach Brahes Tod. Die Neue Welt | Foto: Prague City Tourism Kaiser Rudolf ließ für Tycho Brahe und Johannes Kepler ein astronomisches Observatorium errichten, und zwar in einer Villa, die der Reichsvizekanzler Jacob Kurz Freiherr von Senftenau für sich hatte bauen lassen, der Burg vorgelagert am sog. Pohořelec. Heute steht an deren Stelle das Gebäude eines Gymnasiums, vor dem eine bronzene Doppelskulptur an die beiden Astronomen erinnert. Eine weitere hervorragend ausgestattete Sternwarte richtete sich Brahe unweit von dort im bezaubernden Belvedere ein, dem Renaissance-Lustschlösschen der Königin Anna im Königlichen Garten nahe der Prager Burg. In Prag schloss Brahe außerdem Freundschaft mit dem berühmten jüdischen Rabbiner Jehuda ben Bezel’el Löw, auch als MaHaRaL oder Rabbi Löw bekannt, welcher der Sage zufolge einen künstlichen Menschen, den Golem, geschaffen haben soll. Die beiden Gelehrten verband vor allem ihre Liebe zur Alchemie und Astrologie. Zum Schicksal sollte Brahe ein Bankett werden, welches vom böhmischen Fürsten Peter Wok von Rosenberg an dessen auf dem Hradschin gelegenen Sitz (heute als Palais Schwarzenberg bekannt) ausgetragen wurde. Tycho Brahe war geladen und schlemmte, trank aber vor allem vom Wein mehr, als ihm guttat. Beim Fürsten von Rosenberg galt nämlich: wer von seinen Gästen den Becher nicht bis zur Neige lehrte, musste zur Strafe einen weiteren Pokal leer trinken und sich außerdem mit einem scherzhaften Eintrag in einem besonderen Bußregister freikaufen. Kaum war der weinselige Astronom zuhause angelangt, begann er unter heftigen Schmerzen aufgrund Nierenversagens zu leiden. Nach nicht ganz zwei Wochen voller Agonie starb er am 24. Oktober 1601. Tycho Brahe ist in der Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn in der Prager Altstadt begraben, unter einem Grabstein, der aus dem berühmten braunroten Sliwenetz-Marmor gehauen ist. Vor diesem steht er in Ritterrüstung gewandet, jedoch mit einem Spitzenkragen um den Hals. Die Rechte ruht auf der Himmelssphäre, die Linke auf dem Griff seines Schwerts. Einer alten Prager Legende zufolge hat Brahes Grabstein magische Kräfte: wer der Statue des Astronomen über die steinerne Wange streicht, der wird seine Zahnschmerzen los. Prag, voller geistiger Anregungen, wurde nicht nur zur letzten Heimat Tycho Brahes, es machte aus dem großen Beobachter eine historische Legende. Brahes eigene Theorie des Universums wurde mit der Zeit hinfällig, aber dank seiner Beobachtungen fliegen Menschen heute ins All. Ein Rätsel bleibt freilich bis heute ungelöst: wo ist Brahes künstliche Nase aus Gold und Silber geblieben?