Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und König von Böhmen aus dem Hause Habsburg, verwandelte Prag an der Schwelle von der Renaissance zum Barock in seiner Eigenschaft als gebildeter und kultivierter Mäzen in die Hauptstadt Europas, die bis heute für ihre ganz eigentümliche Verschmelzung von Kunst, Naturwissenschaften, Magie und Okkultismus gefeiert wird. Rudolf war in Wien geboren und wurde in Madrid großgezogen. Zu seinem Fürstensitz – und damit zur Metropole des Heiligen Römischen Reichs – erkor er aber Prag, wo er dann den Großteil seines Erwachsenenlebens ab 1583 bis zu seinem Tod verbrachte. Prag bot Rudolf größere Ruhe als das unter ständiger türkischer Bedrohung stehende Wien. Es lag im Herzen seiner Erbländer und war zugleich Zufluchts- und Rückzugsort, wo er seinen Vorlieben in Kunst und Wissenschaft und seiner Sammelleidenschaft frönen konnte. Rudolf entwickelte eine überaus persönliche Beziehung zu Prag – er bewunderte die magische Atmosphäre der Stadt, die betörende Schönheit und Majestät der Prager Burg auf ihrer Felseninsel, die über dem Moldaustrom emporragt. Mit der Ankunft des Kaiserhofs und der Gesandtschaften der damaligen Mächte – des spanischen und französischen Königs, der Republik Venedig, oder des Heiligen Stuhls – verwandelte sich das bis dahin schläfrige Prag in eine lebhafte kosmopolitische Großstadt, wo Weltpolitik gemacht wurde. Am Kaiserhof fanden sich Künstler, Gelehrte, Astrologen und Alchemisten aus ganz Europa ein. Aegidius Sadeler, nach Hans von Aachen, Porträt von Kaiser Rudolf II. mit dem Orden vom Goldenen Vlies, 1603, Museum für dekorative Kunst in Prag Zu den bedeutendsten schöpferischen Gestalten des rudolfinischen Prags gehörten die Maler Bartholomeus Spranger, Hans von Aachen und Giuseppe Arcimboldo, der Bildhauer Adrian de Vries, der Kupferstecher Egidius Sadeler, oder die Miseroni, eine Familie von Steinschneidern und Edelsteinschleifern. Als Hofastronomen und Hofmathematiker waren Tycho Brahe und Johannes Kepler tätig, die seinerzeit bedeutendsten Männer ihres Fachs. Im mächtigen Wehrturm der Mihulka, der bis heute auf der nordseitigen Befestigung der Prager Burg zwischen dem Veitsdom und dem steilen Abhang des Hirschgrabens steht, ließ Rudolf perfekt ausgestattete alchemistische Labore errichten. Hier suchten die führenden Alchemisten jener Zeit nach dem Stein der Weisen: John Dee, Edward Kelley, Hieronymus Scottus und Michael Sendivogius, um nur einige zu nennen. Seinen Sitz – die Prager Burg – ließ Rudolf großflächig umbauen und erweitern, entsprechend den Bedürfnissen des kaiserlichen Hofs. So entstand der Neue Königspalast, in dem Rudolf seine berühmte Kunstkammer unterbringen ließ – eine einzigartige Sammlung von Kunstwerken, seltenen Büchern, Edelsteinen, Naturobjekten, Instrumenten und allerlei Kuriositäten, vom Kaiser höchstpersönlich so angeordnet, dass sie als kosmologische Metapher für die Vielfalt der Welt stehen sollten. Mit der rudolfinischen Ära ist außerdem das Ballhaus im Königlichen Garten verbunden, welches der höfischen Unterhaltung und dem Sport in Form eines Renaissancevorläufers des Tennisspiels diente. Rudolf II. umgab sich in Prag mit seinen geliebten Sammlungen, aber sein persönliches Leben war nicht eben von Glück geprägt. Einer der mächtigsten Herrscher der damaligen Welt wurde nicht nur von Anwandlungen einer lähmenden Melancholie geplagt, sondern außerdem von einer pathologischen Überentwicklung des Unterkiefers, die es ihm unmöglich machte, seine Nahrung zu kauen, so dass er Speisen am Stück verschlingen musste, freilich von Dienern mundgerecht vorgeschnitten. Auch seine Regierung nahm kein glückliches Ende. Intrigen seines ehrgeizigen jüngeren Bruders Matthias brachten Rudolf schrittweise in allen seinen Ländern um die Macht. 1611 musste er auf den Thron verzichten; allein die Prager Burg und der formelle Titel des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches wurden ihm zur Nutzung überlassen. Porträt von Kaiser Rudolf II., von Hans von Aachen, um 1590 | Kunsthistorisches Museum, Wien, Österreich Murad III., der Sultan des Osmanischen Reiches, hatte dem Kaiser einst einen Löwen mit Namen Mohamed zum diplomatischen Geschenk gemacht. Rudolf fand Gefallen an der majestätischen Raubkatze, die sich auch im Wappen des Königreichs Böhmen wiederfindet. Er ließ ein besonderes Gehege, den Löwenhof, für sie errichten und fütterte sie dort persönlich mit Fleisch. Der Astronom und Astrologe Tycho Brahe erstellte ein Horoskop, dem zufolge die Schicksale des Kaisers und des Löwens über die Konstellation von Himmelskörpern miteinander verbunden waren. Der Löwe Mohamed ging zu Beginn des Jahres 1612 ein; der Kaiser folgte ihm tatsächlich wenige Tage später in den Tod. Sein Leichnam, gebettet in einen von Künstlerhand üppig verzierten Sarkophag aus Zinn, wurde in der Krypta des Veitsdoms bestattet. Bloße sechs Jahre nach Rudolfs Tod brach gegen den neuen Kaiser und König Matthias der Ständeaufstand in Prag aus, der zum verheerenden Dreißigjährigen Krieg führte. An dessen Ende eroberte die schwedische Armee im Handstreich die Prager Burg, plünderte deren Kassen und verbrachte den größten Teil von Rudolfs Kunstkammer auf Wagen, um sie als Kriegsbeute außer Landes zu bringen. Den teuersten Schatz vermochten die plündernden Soldaten zum Glück nicht abzutransportieren – das rudolfinische Prag selbst. Die einzigartige Atmosphäre dieser Stadt, die Geschichten von Künstlern, Wissenschaftlern und Alchemisten, und die Ära, in der Prag das kulturelle Herz Europas war, können nicht auf Karren verladen werden. Darum bleibt Prag für immer rudolfinisch.