Václav Havel war Dramatiker in einem Land, welches sich selbst in absurdes Theater verwandelt hatte, in dem die Partei die Rollen vergab und Improvisation bestraft wurde. Dramen in einem solchen Kontext zu schreiben, hieß die Wirklichkeit selbst zu schreiben, bloß mit dem Unterschied, dass die Wahrheit auf der Bühne wenigstens angedeutet werden konnte – im Leben musste sie verborgen bleiben. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen im August 1968 wurde gegen Václav Havel ein Publikationsverbot verhängt; er wurde zu einem der führenden Dissidenten und Kritiker des totalitären Regimes. Er trat für die Verteidigung der Menschenrechte ein und wurde dafür wiederholt inhaftiert. Sein moralisches Vorbild und seine Essays waren der Zivilgesellschaft eine grundlegende Inspiration in ihrem Kampf um die Freiheit, der im November 1989 in der Samtenen Revolution gipfelte. Die Stimme Václav Havels erklang in Prag zuerst aus dem Munde der Figuren seiner Stücke, die auf der Bühne des Theaters Na Zábradlí zur Aufführung kamen; später sollte er selbst zu hören sein, vor einem Meer von Menschen auf dem Wenzelsplatz. Die Samtene Revolution verwandelte Prag so sehr, dass die Stadt nicht wiederzuerkennen war – sie öffnete sich der Welt, der Kunst, der Freundschaft. So konnten denn auch Václav Havel und Bill Clinton 1994 gemeinsam den Jazzclub Reduta besuchen, wo der US-Präsident auf dem Saxophon „Summertime“ zum Besten gab (obschon es eigentlich erst Januar war). Václav Havel erleuchtete Prag nicht nur mit der Wahrheit, sondern auch ganz buchstäblich: die mit ihm befreundeten Rolling Stones schenkten ihm eine moderne Beleuchtung der Prager Burg. Und als er aus dem Amt des Staatspräsidenten ausschied, brachte Künstler Jiří David ein fünfzehn Meter hohes Neon-Herz auf dem Hradschin zum Strahlen, das dem Herz nachempfunden war, welches Václav Havel mit Vorliebe ans Ende seiner Unterschrift setzte. Nach Havels Hinscheiden setzten ihm die Prager auf dem Wenzelsplatz spontan ein Denkmal in Form eines kollektiv geschaffenen Herzens aus Kerzen – wärmend, leuchtend, sogar aus dem Weltall sichtbar. Und aus all den nie ganz niedergebrannten Kerzenresten wurde eine riesige Plastik geschaffen und auf der Piazzetta des Nationaltheaters enthüllt: „Ein Herz für Václav Havel“. Václav Havel hat Spuren hinterlassen, die bis heute zu erkennen sind, und zwar auch an und in Prager Häusern. Die Architektur lag ihm wortwörtlich in den Genen. So errichtete sein Großvater Vácslav Havel z.B. das Palais Lucerna am Wenzelsplatz im Prager Zentrum oder das Jugendstil-Wohngebäude „U Dvou tisíc“ am Rašín-Kai, der Prager Uferpromenade. Gleich daneben steht das mittlerweile weltberühmte Tanzende Haus, dessen Entstehung von niemand anderem als Václav Havel angeregt wurde. Und die Geschichte von der Wahrheit, die die Welt zu ändern vermag, hallt bis heute in den Räumlichkeiten der ehemaligen Hl. Anna-Kirche wider, die im Mittelalter Sitz der Tempelritter war und die von Václav Havel in die Prager Kreuzung verwandelt wurde – ein Ort des Dialogs, der Konzerte und der Meditation mitten im Herzen der Stadt.