Il Boemo, Phänomen der Barockoper

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Josef Mysliveček bezauberte Italien und Mozart, aber sein Schicksal nahm hinter einer Maske sein Ende.

Der weltweit berühmteste Opernkomponist des Spätbarocks wurde in Prag geboren. Sein Werk inspirierte eine Reihe weiterer Komponisten, angeführt von Mozart. Sein wechselhaftes Schicksal war Thema von Büchern, Opern und Filmen. Nach ihm ist eine Straße in Prag ebenso wie ein Kleinplanet des Sonnensystems benannt. Er erstrahlte wie ein Stern der ersten Größenklasse, starb aber hinter einer Maske.

Josef Mysliveček wurde in einer Wassermühle an der Moldau geboren, wo heute die Privatgalerie Museum Kampa ihren Sitz hat. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er bei den Eltern im reizenden Barockhäuschen U Modré lodi (Zum blauen Schiff) in der Melantrichstraße Nr. 13 in der Prager Altstadt, welches sich anstelle eines aufgegebenen Gässchens in eine schmale Lücke zwischen den Nachbarhäusern zwängt.

Zusammen mit seinem eineiigen Zwilling Joachim besuchte er die der St.-Ägidius-Kirche angeschlossene Dominikanerschule, später das Jesuitengymnasium im Klementinum und schließlich die Philosophische Fakultät der Karlsuniversität. Josef wie auch Joachim verließen allerdings schon nach einem Jahr die Hochschule und lernten lieber das väterliche Handwerk.

Deckenfresko in der Barockbibliothek des Klementinums | Foto: Prague City Tourism

Obwohl Josef Mysliveček erfolgreich die Prüfung ablegte und Meister der Müllerzunft wurde, sehnte er sich danach, sein Leben der Musik zu widmen. Bereits seit seiner Kindheit hatte er Geige gespielt und nun außerdem mit dem Kompositionsstudium begonnen. Um sein Talent zu entwickeln, machte er sich im Alter von sechsundzwanzig Jahren nach Italien auf.

Zunächst verdiente er seinen Lebensunterhalt als Geiger, machte sich jedoch rasch als Opernkomponist einen Namen. Innerhalb weniger Jahre wurde er zu einem der berühmtesten Tonsetzer seiner Zeit. Die Italiener nannten ihn schlicht „Il Boemo“ – also „den Böhmen“.

Josef Mysliveček wusste das verwöhnte italienische Publikum mit bezaubernder Melodiösität, starken Emotionen und dramatischer Eindrücklichkeit zu begeistern. Zu einem wahrhaften Triumph wurde 1767 die Aufführung von Myslivečeks Oper Il Bellerofonte im neapolitanischen Teatro San Carlo, damals die höchstrangige Bühne Europas. Die begeisterte Aufnahme des Werks eröffnete ihm den Weg zu Aufträgen in weiteren wichtigen italienischen Städten, darunter Rom, Venedig, Florenz und Bologna. Myslivečeks Opern wurden bei wichtigen höfischen und königlichen Feiern aufgeführt und von den größten Gesangsstars der Ära gesungen.

Theater „V Kotcích“ | Zeitgenössische Zeichnung von Leo Gerber
Theater „V Kotcích“ | Zeitgenössische Zeichnung von Leo Gerber

Der damals bereits weltberühmte Mysliveček kehrte nach dem Tod seiner Mutter Anna Theresia 1768 für kurze Zeit nach Prag zurück. Er beglich seine Schulden und übergab Bruder Joachim die elterliche Mühle. Auch fand er Gelegenheit, den Bellerofonte im (nicht erhaltenen) Theater an der Kotzen persönlich zu dirigieren; dieses Schauspielhaus stand in der Prager Altstadt unweit des Karmeliterklosters, dem die St.-Gallus-Kirche (Kirche des Hl. Havel) gehörte.

Nach der Rückkehr nach Italien war Myslivečeks Stern weiter im Anstieg begriffen; ein Erfolg folgte dem anderen auf dem Fuße. 1770 kam es in Bologna erstmals zur Begegnung mit dem um eine Generation jüngeren Wolfgang Amadeus Mozart, welcher Mysliveček als Freund und inspirierendes Vorbild betrachtete. So nahm Mozart in seiner Oper „Mitridate, re di Ponto“ eine Anleihe bei musikalischen Motiven aus Myslivečeks Oper „Nitteti“. Mozart besuchte seinen älteren Kollegen auch später, als Mysliveček im Krankenhaus im Sterben lag.

Gegen Ende seines Lebens kämpfte Mysliveček verzweifelt mit Geldschulden und einer unheilbaren Krankheit. Seine letzten Opern fielen beim Publikum durch. Die Krankheit brachte ihn um seine Nase, so dass Mysliveček in der Öffentlichkeit sein Antlitz unter einer Maske verbergen musste. Er starb am 4. Februar 1781 in Rom wie ein Bettler mit dem verunstalteten Gesicht eines Greisen. In Wirklichkeit war er erst 43 Jahre alt. Sein eineiiger Zwilling Joachim starb sieben Jahre später in Prag als wohlangesehener Müllermeister.

Joachim konnte sich sein Leben lang gewiss sein, er werde als Müller sein Auskommen haben, während Josef zu europäischem Ruhm gelangte – um den Preis ungeheurer Schmerzen und großen Leids. Wer von beiden hatte es besser? Anstatt über den ewigen Dilemmata menschlicher Schicksale zu grübeln, wird es wohl besser sein, die Arie „Sarò qual è il torrente“ aus Myslivečeks Antigone anzuhören. Und dazu in eine Scheibe zünftigen tschechischen Brots zu beißen.

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