Sie war eine für ihre Zeit außerordentlich gebildete, politisch aktive und ehrgeizige Persönlichkeit, die den Lauf der europäischen Geschichte mitgestaltete. Ihr Leben war voller Kämpfe, Rückschläge und persönlicher Tragödien. Dennoch bleibt sie eine der Frauen, die die Geschicke Prags am tiefsten beeinflussten: sie war die Mutter des künftigen römisch-deutschen Kaisers Karl IV., unter dessen Herrschaft Prag seine größte Glanzzeit erlebte. Steinerne Denkmäler mögen altern und dem Zahn der Zeit anheimfallen – das mit der Geschichte dieser Stadt verwobene Vermächtnis der Elisabeth von Böhmen wird weiterleben. Wenn vom mittelalterlichen Prag die Rede ist, denken die meisten Besucher an Könige, Ritter und steinerne Türme. Hinter einer der wichtigsten Erzählungen der böhmischen Geschichte jener Zeit steht aber eine außerordentlich intelligente und anmutige Frau: Elisabeth von Böhmen. Elisabeth wurde als Tochter Wenzels II., des böhmischen und polnischen Königs aus dem Haus der Přemysliden geboren. Nach Wenzels Tod wurde sein einziger Sohn Wenzel III. zum neuen Herrscher beider Länder; im Alter von nur sechszehn Jahren fiel er jedoch einem Meuchelmord zum Opfer und die Dynastie der Přemysliden erlosch unter dem Schwert – jedenfalls in männlicher Abstammungslinie. Mit dem Tode ihres Bruders wurde Prinzessin Elisabeth zur letzten Erbin ihres berühmten Geschlechts. Es schien bereits, als ob der böhmische Staat den festen Boden unter den Füßen verlieren und ins Chaos stürzen sollte, da war sie es, die für die Fortsetzung der königlichen Tradition sorgte. Nach langen und schwierigen diplomatischen Verhandlungen ging sie Ende August 1310 in Speyer den Ehebund mit Johann von Luxemburg ein, dem einzigen Sohn des römisch-deutschen Kaisers Heinrich VII. Elisabeth war damals achtzehn; die zeitgenössischen Chroniker beschreiben sie als wunderbares, temperamentvolles Mädchen mit dunklem Teint und dunklen Haaren. Johann hingegen war erst vierzehn; zwar war er am französischen Königshof aufgewachsen und hatte eine solide Ausbildung erhalten, doch war er ein noch unreifer und noch dazuhin schmächtiger Knabe. Das Siegel von Eliška Přemyslovna Das frischgebackene Ehepaar kehrte gleich nach der Vermählung nach Böhmen zurück, welches damals – wie so oft in der Geschichte – unter fremder Besatzung stand. Johann und Elisabeth gelang es aber, die Herrschaft über Prag und allmählich über das ganze Land zu erringen. Anfänglich erwies sich die Ehe als glücklich. Es wurden zwei Töchter geboren: Margarete und Jutta. Als die ältere und erfahrenere hatte Elisabeth erheblichen Einfluss auf ihren Mann. Durch seine Person wollte sie die Größe und das Prestige des böhmischen Staats erneuern. Johann sah sich aber bald mit der unbarmherzigen Realität konfrontiert, dass das Land nach einer langen Ära der Machtkämpfe von wohlhabenden und selbstbewussten Adeligen beherrscht wurde. Immer öfter brach König Johann, der ein großer Bewunderer des legendären König Artus und seiner Tafelrunde war, auf Ritterfahrten in ganz Europa auf; nach Böhmen kehrte er hauptsächlich dann zurück, wenn er Geld brauchte. Während Johanns Abwesenheit im Ausland kam es zunehmend zu politischen Intrigen; gleichermaßen stieg auch die Spannung zwischen ihm und Elisabeth. 1316 kam der erstgeborene Sohn Wenzel zur Welt – der künftige König von Böhmen und römisch-deutsche Kaiser Karl IV., unter dessen weiser und glücklicher Herrschaft Prag zur Metropole des Heiligen Römischen Reichs und eine der größten Städte Europas wurde. Damals war dies freilich bloße Zukunftsmusik. An der Spitze einer bewaffneten Schar überfiel König Johann die Burg Elbogen, wo Elisabeth zurückgezogen lebte, und schickte sie in die Verbannung. Den kleinen Königssohn Wenzel, der gerade erst das Laufen lernte, trennte er von der Mutter und hielt ihn auf mehreren Burgen gefangen, bevor er ihn 1323 zur Erziehung an den französischen Königshof sandte. Büste von Eliška Přemyslovna im Triforium der St.-Veits-Kathedrale Erst nach Jahren kehrte Elisabeth nach Prag zurück – krank, verlassen und vom eigenen Ehemann gedemütigt, aber dennoch ungebrochen. Den Rest ihres Lebens befasste sich Elisabeth mit Spirituellem: sie sammelte Heiligenreliquien, förderte den Bau des Klosters Aula Regia in Zbraslav und bemühte sich, die Heiligsprechung ihrer Großtante Agnes von Böhmen durchzusetzen. Elisabeth starb frühzeitig im Alter von achtunddreißig Jahren an Tuberkulose; ihre leiblichen Überreste ruhen in der Nekropolis der Přemysliden in der Pfarrkirche des Hl. Jakobus des Älteren in Zbraslav. Die wichtigsten Momente in Elisabeths Leben spielten sich in Prag ab. Hier kam sie zur Welt, hier wurde sie zur Königin Böhmens gekrönt, herrschte an der Seite ihres Gatten, kämpfte um Einfluss auf die Geschicke des Landes, bot politischen Intrigen wie auch Konflikten mit ihrem Mann die Stirn, und fand letztlich ihr Ende. Und in Prag war es, da sie einen Sohn gebar, der als größter Böhme in die Geschichte eingehen sollte – Karl IV., Kaiser und König. Und so war es das Verdienst Elisabeths, dass Prag zu einer der wichtigsten Städte des mitteleuropäischen Europas wurde. Sie sollte weder Brücken noch Kathedralen bauen, aber schenkte Prag etwas noch Wichtigeres: einen Herrscher, der aus der Stadt eine Kaisermetropole machte. Die Kirche des Heiligen Jakobus des Älteren in Zbraslav | Foto: Prague City Tourism