Sie errang insgesamt 7 olympische Goldmedaillen, 4 Weltmeistertitel und 11 Europameistertitel, aber ihre höchste Auszeichnung erzielte sie in den Herzen der Menschen für ihre Zivilcourage und ihren Widerstand gegen das totalitäre Regime. Ihr Leben begann und endete in Prag, aber in den Jahren dazwischen lernte sie die ganze Welt kennen und lieben. Auf dem Siegertreppchen stand sie unzählige Male. Die Kapelle spielte die Nationalhymne, die tschechoslowakische Trikolore wurde gehisst, und die Welt bewunderte ihre grazile Gestalt und feste Körperhaltung. Věra Čáslavská schien allein für die Perfektion der Bewegung geschaffen. Sie siegte dank ihrer Beweglichkeit und ihrer Anmut, scheinbar naturgegeben, aber in Wirklichkeit aus tausenden von Stunden harter Arbeit in der Turnhalle geboren. Ihre wahre Geschichte spielte sich aber nicht nur auf dem Schwebebalken und dem Stufenbarren ab. Ihren wichtigsten Kampf bestritt Věra Čáslavská im Spannungsfeld zwischen Angst und Gewissen. Zur Welt kam sie 1942 im Prager Stadtviertel Karlín, auf dem Höhepunkt des 2. Weltkriegs. Die Welt war der Freiheit abgeneigt: bald nach Ende des Krieges erlangte die kommunistische Diktatur die Macht. Věra widmete sich seit ihrer Kindheit dem Eiskunstlauf und dem Ballett, im Alter von 14 Jahren begann sie mit dem Gymnastiktraining. Der Sport bot eine der wenigen Möglichkeiten, Atem zu schöpfen, über die Grenzen hinauszublicken, eine Welt zu sehen, die nicht in ideologischen Fesseln lag. Věra Čáslavská, Übung am Schwebebalken, Europameisterschaft 1967 | Foto: Ron Kroon, Nationalarchiv der Niederlande mit Sitz in Den Haag Ihr Weg führte sie aus dem heimatlichen Prag in die größten Stadien beider Hemisphären. Zum Weltstar am Sporthimmel wurde Věra Čáslavská auf den Olympischen Sommerspielen 1964 im japanischen Tokio, wo sie die Goldmedaille im Mehrkampf (Einzel), Sprung und Schwebebalken gewann. Der Höhepunkt ihrer Sportlerkarriere waren die nächsten Sommerspiele in Mexiko, wo sie gleich viermal siegte: im Achtkampf, im Sprung, am Stufenbarren und im Bodenturnen. Sie sammelte Medaillen mit einer Leichtigkeit, die ans Selbstverständliche grenzte. Sie wurde zu einer Legende und einer der erfolgreichsten Gymnastinnen der Geschichte. Die Welt liebte sie für ihre Eleganz, ihr sympathisches Auftreten und ihren natürlichen Charme. Aber das Jahr 1968 war nicht allein ein Jahr des Sports. In der Tschechoslowakei war es zuerst eine Zeit der Hoffnung und dann der vernichtenden Enttäuschung. Der Prager Frühling hatte die Freiheit eingeläutet. Aber bereits Ende August wurde sie von den Gleisketten sowjetischer Tanker auf dem Pflaster vor dem Nationalmuseum zerrieben. Věra Čáslavská trug in Mexiko den Sieg davon. Aber ihr Land war gerade von einer fremden Armee besetzt worden. Und dann kam der Augenblick, der in keine athletische Rangliste passte. Als die sowjetische Hymne erklang, beugte sie auf dem Siegertreppchen den Kopf und wandte den Blick ab, in einer schlichten Geste des Widerspruchs, die von der ganzen Welt wahrgenommen wurde. Noch im selben Jahr wurde Věra Čáslavská zur besten Sportlerin der Welt und zur zweitpopulärsten Frau des Planeten gleich nach Jacqueline Kennedy gewählt. Nach der Rückkehr in die Heimat erwarteten sie aber keine Feierlichkeiten, sondern die Bestrafung. Betätigungsverbote, Druckausübung hinter den Kulissen, die Löschung aus dem Gedächtnis der Nation. Sie war zu einer unbequemen Mahnung geworden, dass ein lautes „Nein“ auch ohne Worte ausgesprochen werden kann. Erst im Zuge der Samtenen Revolution im November 1989 kehrte Věra Čáslavská in den öffentlichen Raum zurück, als sie an der Seite des Dramatikers und führenden Dissidenten Václav Havels zu den Demonstranten auf dem Wenzelsplatz sprach. 1990 wurde sie von Václav Havel, nunmehr bereits im Amt des Präsidenten, zu seiner Beraterin für soziale Fragen und Sport ernannt. Sie wurde außerdem Vorsitzende des Tschechischen Olympischen Komitees und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Regisseurin Olga Sommerová drehte einen abendfüllenden Dokumentarfilm über Věra Čáslavská, von Astronomen wurde ein Asteroid nach ihr benannt. Bis zum Ende ihres Lebens trat sie aktiv in der Öffentlichkeit auf und unterstützte junge Sportler. Das Vermächtnis von Věra Čáslavská ist nicht bloß eine Legende des Sports und ein Berg von Goldmedaillen. Es ist eine Geschichte darüber, wie der wirkliche Sieg nicht von der festen Körperhaltung, sondern von der festen Geisteshaltung abhängt.