Das Prag Milan Kunderas

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Wie das totalitäre Regime das Sein unerträglich machte.

Image: 193405033, License: Rights-managed, Restrictions: , Model Release: no  , Credit line: ČTK / Oldřich Škácha

Milan Kundera, der weltweit bekannteste und meistübersetzte tschechische Autor, kam zwar nicht in Prag zur Welt, aber Prag ist sicherlich der Ort seiner Geburt als Schriftsteller von Weltrang. Hier studierte und lehrte er, erlebte seine großen Lieben, trat in die Hallen der hohen Literatur ein, fühlte die Hoffnung und die Enttäuschung des Jahres 1968, als die Invasion der sowjetischen Armeen den tschechischen Traum von der Demokratie zerschlug, und verwandelte Prag in eine der Hauptstädte der Literatur des 20. Jahrhunderts, ein Symbol der mitteleuropäischen Erinnerung und des drohenden Vergessens unter der Last des Totalitarismus.

Prag ist denn auch der Schauplatz dreier grundlegender Romane aus der Feder Milan Kunderas: Der Scherz, Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins, und Das Buch vom Lachen und Vergessen. Prag wird in diesen Werken nicht zur bloßen Kulisse für die Handlungsstränge reduziert, sondern ist lebendiger politischer, existenzieller Erinnerungs-Raum, der schicksalshaft die Geschicke der Protagonisten formt. Kunderas Prag ist eine Stadt der Liebe, des Verrats, der Freiheit und der Erniedrigung; eine Stadt, die den Menschen macht, aber auch zunichte macht; eine Stadt, die Zeugnis von der zerstörerischen Absurdität der Ideologie ablegt.

Denn Kundera wurde in eine Zeit hineingeboren, als Prag der kommunistischen Moskauer Herrschaft unterworfen war. Bereits in jungen Jahren trat er mutig gegen Zensur und für die Redefreiheit ein, so etwa im Juni 1967 auf dem Kongress der tschechoslowakischen Schriftsteller. Seine dort gesprochenen Worte lösten begeisterten Beifall aus, doch die kommunistische Führung des Landes verstand sie als offenen Aufruhr.

Der Schriftsteller Milan Kundera auf einem Foto vom 6. Mai 1963, Prag.  | Quelle: ČTK, František Nesvadba
Der Schriftsteller Milan Kundera auf einem Foto vom 6. Mai 1963, Prag. | Quelle: ČTK, František Nesvadba

Der Prager Frühling fand am 21. August 1968 sein Ende, als auf den Straßen Prags die Raupenketten sowjetischer Panzer dröhnten; die Einschusslöcher ihrer Geschosse leuchten bis heute auf der Fassade des Nationalmuseums. Das Ehepaar Kundera hielt sich damals in Prag auf und wurde in der Nacht vom Landeanflug sowjetischer Flugzeuge geweckt. Beide wurden um ihren Broterwerb gebracht: Rundfunk- und Fernsehmoderatorin Věra wurde bereits 1969 entlassen, Milan im darauffolgenden Jahr. Sie lebten unter polizeilicher Überwachung; ihr Telefon wurde abgehört. Milan Kundera durfte nichts veröffentlichen, und seine Bücher waren verboten.

Wer Kunderas Bücher liest, kann sich in ihr Schicksal hineinversetzen. Eine ähnliche Situation durchleben etwa Tomáš und Tereza, die Hauptfiguren der Unerträglichen Leichtigkeit des Seins: Tomáš ist ein ausgezeichneter Neurochirurg, verliert aber wegen seines in einer Literaturzeitschrift abgedruckten „ideologisch problematischen“ Artikels seine Stellung und muss sich als Fensterputzer durchschlagen; beide werden auch im Privaten von der Verfolgung durch das kommunistische Regime traumatisiert und finden letztlich erst Ruhe, nachdem sie sich aufs Land zurückziehen.

Im Sommer 1975 ging das Ehepaar Kundera ins Exil nach Frankreich, wo Milan an der Universität in Rennes und in Paris unterrichtete. Nach Prag kehrten sie erst nach einem Vierteljahrhundert im Jahre 1990 zurück, freilich nur noch als Besucher. Milan Kundera lebte bis zu seinem Tod weiter in Paris. Věra, die mit ihm den ganzen Rest des Lebens verbrachte, kümmerte sich nach dem Ableben ihres Mannes um dessen literarisches Vermächtnis.

Der Totalitarismus brachte Milan Kundera um sein Prag und Prag um Milan Kundera, denn jedes totalitäre Regime macht aus der Leichtigkeit des Seins unausweichlich ein unerträgliches Sein.

Titelfoto: ČTK, Oldřich Škácha

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