Der berühmteste tschechische Dichter verbrachte sein ganzes Leben in Prag. In seinen Versen vermochte er, die Schönheit Prags zu erfassen, den ewigen Wandel dieser Stadt und ihre verborgenen Dramen. Und als sein Leben sich dem Ende zuneigte, brachte er den überhaupt ersten Nobelpreis für Literatur nach Prag. Im Mai 1910 durchquerte der Planet Erde den leuchtenden Schweif des Halleyschen Kometen. Der damals acht Jahre alte Jaroslav Seifert sah ihn am Nachthimmel über den Türmen des Prager Veitsdoms. Auf seinem Gesicht war der goldene Pollen von Sternenstaub verblieben, wie er später in einem Gedicht schreiben sollte, welchem er den schlichten Titel Der Halleysche Komet gab. Als im Oktober 1918 die neue Tschechoslowakische Republik in Prag ausgerufen wurde, fällten Anarchisten aus dem Arbeiterviertel Žižkov die barocke Säule auf dem Altstädter Ring, die von einem Standbild der Jungfrau Marie gekrönt war. Beim Aufprall auf dem Boden zerbrach die Säule in sieben Teile. Und das abgeschlagene Haupt der Jungfrau Maria rollte über das Pflaster, dem siebzehnjährigen Jaroslav Seifert zu Füßen, der dieser Explosion der Zerstörungswut beiwohnte. Bald darauf begann Seifert, Gedichte zu verfassen. Über die Liebe, über den Sinn des Lebens und über seine Heimatstadt. Seiferts Prag ist nicht bloß eine Stadt historischer Sehenswürdigkeiten und weltgeschichtlicher Ereignisse, sondern zuallererst der Schauplatz des Alltagslebens. Die Poesie der alten Häuser, die geheimnisvollen Winkel, und die Lampen, die die abendlichen Straßen erhellten, nahm Seifert ebenso intensiv wahr wie das Gefühlsleben der Menschen, die in dieser Stadt mit ihren Freuden und Sorgen einhergingen. Prag wird in seiner Poesie zu einem lebendigen Wesen – manchmal zärtlich und liebevoll, dann wieder melancholisch und grüblerisch. Jaroslav Seifert | Archiv des Tschechischen Rundfunks Wenn der Dichter am Fluss entlanggeht, beobachtet er auf der Wasseroberfläche das schimmernde Abbild der Brücken, die sich zwischen den Ufern aufspannen, und hört dem Rauschen des Wassers zu. In diesen Augenblicken findet er die Inspiration für Verse, mit denen zwei andere Ufer miteinander verbunden werden: die Vergangenheit und die Gegenwart. Die Geschichte der Stadt verschmilzt mit persönlichen Erinnerungen und schafft ein Bild Prags als Ort, an dem die Erzählungen vieler Generationen bewahrt bleiben. In den schwersten Stunden der tschechischen Geschichte, während der nazistischen Besatzung und später während der kommunistischen Diktatur, war Prag für Seifert außerdem ein Symbol der Heimat und der kulturellen Identität. Die Straßen und Plätze der Stadt gemahnten ihn an die Werte, die er hochhielt – Freiheit, Menschlichkeit und Wahrheitsliebe. Deshalb erscheint die Stadt in seinem Werk nicht nur als Kulisse, sondern als wichtiges Symbol der tschechischen Nation. Jaroslav Seifert war nicht nur ein großer Dichter, sondern auch ein mutiger Mensch. In den fünfziger Jahren trat er öffentlich für verfolgte Autoren ein, verteidigte die Freiheit von Kunst und Kultur und sprach sich gegen die Zensur aus. 1968 trat er im damaligen Fernsehen gegen die Invasion der Truppen des Warschauer Pakts auf. Als sich Student Jan Palach im Januar 1969 aus Protest gegen die Okkupation der Tschechoslowakei als lebende Fackel verbrannte, ehrte Seifert sein Angedenken, bat aber zugleich die Studentenschaft, man möge Palachs Verzweiflungstat nicht nachahmen. In den darauffolgenden Jahren, in denen das kommunistische Regime seine Macht festigte, fiel Seifert wegen seiner Zivilcourage in Ungnade und musste sich ins Privatleben zurückziehen. Dennoch war er einer der ersten Unterzeichner der Charta 77, einer Bürgerinitiative zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte. Damals konnten Seiferts Sammlungen nur im Samisdat erscheinen – die Menschen fertigten handschriftliche Kopien an, die sie dann weitergaben, ungeachtet der Verbote und drohender Gefängnisstrafen. Jaroslav Seifert mit seinem Freund Alois Volkman, Foto: Tobiasfrydl, CC BY-SA 4.0 Zwei Jahre später besuchte Jaroslav Seifert den kranken Dichter Vladimír Holan und sah bei ihm zuhause zum zweiten Mal das von der 1918 zerstörten Säule am Altstädter Ring abgebrochene steinerne Haupt der Jungfrau Maria. Der weggerollte Kopf der Himmelskönigin umrahmte damit den Beginn und den Beschluss seines dichterischen Schaffens. 1984 erhielt Jaroslav Seifert den Nobelpreis für Literatur; allerdings blieben ihm damals nicht ganz zwei Jahre seines Lebens. Das kommunistische Regime vermochte den damals bereits weltbekannten Dichter nicht weiter totzuschweigen. Man versuchte von daher, ihn zu Propagandazwecken zu nutzen, freilich mit nur fragwürdigem Erfolg. Zu Beginn des Januars 1986, gerade als der Halleysche Komet nach Jahren zur Erde zurückkehrte, verstarb Jaroslav Seifert. Die kirchliche Abschiednahme vom entschlafenen Dichter fand unter den Augen der kommunistischen Geheimpolizei in der Basilika der Hl. Margaretha in Břevnov statt, auf dem Boden des ältesten Männerklosters in Böhmen. Wenn abends die Laternen auf der Karlsbrücke angezündet werden und sich über den Dächern der Altstadt die Stille ausbreitet, können Sie vielleicht hören, wie Seiferts Verse noch immer zwischen den steinernen Wänden widerhallen. Seine Poesie erinnert uns daran, dass Prag nicht bloß eine Ansammlung von Gebäuden und Straßen ist, sondern vornehmlich ein dicht gewirktes Netz aus menschlichen Geschichten, Erinnerungen und Träumen. Gerade darin besteht das einmalige Band zwischen Jaroslav Seifert und Prag – der Stadt, die er liebte und der er auf ewige Zeiten einen Platz in der Weltliteratur verschaffte.