Von Wikingern mit ihrem Schleier erdrosselt

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Die heilige Ludmila – die erste böhmische Frau im Himmel.

Ihr Blut, so berichten die Chronisten, fließt in den Adern nahezu aller europäischen Königshäuser. Sie war die erste böhmische Fürstin, die erste Christin aus dem Geschlecht der Přemysliden und die erste Heilige der Länder der böhmischen Krone. Nach ihrem Martyrium wurde sie zur Schutzpatronin der Gebärenden und der kranken Kinder. In der Nähe ihres Grabes entstand das erste Kloster Böhmens.

Ludmila wurde in einer Zeit geboren, in der Europa sich aus den Trümmern der römischen Welt neu formierte. Sie wuchs heidnisch auf. Doch als sie im Jahr 882 im Alter von vierzehn Jahren Fürst Bořivoj I. heiratete, wurden beide von Methodius, dem Erzbischof der Slawen, getauft. Von da an war ihr Christentum still und konkret: Sie kümmerte sich um Arme und Kranke, unterstützte den Bau von Kirchen und zeichnete sich durch eine Geduld aus, die stärker war als jede demonstrative Macht. Als Bořivoj starb, war Ludmila noch keine dreißig Jahre alt. Dennoch zog sie sich nicht ins Private zurück. Nach dem Regierungsantritt ihres Sohnes Vratislav verschärften sich die Spannungen mit dessen Frau Drahomíra. Als Vratislav starb, entbrannte zwischen den beiden Frauen ein Machtkampf um die Erziehung und Zukunft des minderjährigen Thronfolgers Wenzel, Ludmilas Enkel. Der gefundene Kompromiss war brüchig: Ludmila sollte Wenzel erziehen, Drahomíra sollte regieren.

Kirche der Heiligen Ludmilla | Quelle: Prag City Tourism

Im September desselben Jahres sandte Drahomíra zwei gedungene Mörder – Tunna und Gomon, den Namen nach vermutlich Wikinger – zur Burg Tetín, einer Festung auf einem Felsvorsprung westlich von Prag. Da sie kein „blutiges“ Martyrium wollte, ließ sie Ludmila mit ihrem eigenen Schleier erdrosseln. Vier Jahre später bestieg Wenzel den Thron. Er verbannte seine Mutter und ließ die Gebeine seiner Großmutter in die St.-Georgs-Basilika auf der Prager Burg überführen. Von diesem Augenblick an strömten die Gebete der Frauen zu ihrem Grab, und die ersten Wunder wurden im Gedächtnis des Landes überliefert. Um 976 gründete ihre Urenkelin Mlada hier das älteste Kloster Böhmens, das Benediktinerinnenkloster St. Georg. Dass das erste Kloster des Landes von Frauen geführt wurde, war außergewöhnlich – und ein Ausdruck des besonderen Ansehens weiblicher Frömmigkeit und Autorität in Böhmen. Im 14. Jahrhundert verlieh Kaiser Karl IV., römischer Kaiser und König von Böhmen, den Äbtissinnen dieses Klosters das Privileg, böhmische Königinnen zu krönen – eine feine, doch bedeutende Linie weiblicher Macht im Herzen des Staates.

1782 wurde das Kloster im Zuge der Reformen Kaiser Josephs II. aufgehoben. Doch Ludmila blieb auf der Prager Burg präsent. Ihr Leib ruht bis heute in der St.-Georgs-Basilika, während ihr Schädel und ihr Arm in kostbaren Reliquiaren im Veitsdom aufbewahrt werden. Wer heute das stille romanische Innere der Basilika betritt, begegnet der Geschichte einer Frau, die einen Heiligen erzog, politische Wirren überstand und selbst durch Gewalt nicht gebrochen wurde – und die bis heute untrennbar zu Prag gehört.

St. Ludmila, Glasmalerei, Olomouc | Quelle: www.wikipedia.com
St. Ludmila, Glasmalerei, Olomouc | Quelle: www.wikipedia.com

Wo man die Geschichte in Prag erleben kann

Basilika des Heiligen Georg (Prager Burg) – Steinerne Grabplatte der heiligen Ludmila mit Relief der liegenden Heiligen; Standort ihres Grabes sowie des ehemaligen Benediktinerinnenklosters.

Kathedrale der Heiligen Veit, Wenzel und Adalbert (Prager Burg) – Im Hauptschiff: vergoldete Holzschnitzerei der heiligen Ludmila (František Preiss, 1699); in der Ludmila-Kapelle: Marmorrelief ihres Martyriums (Emanuel Max, 1844).

Veitsdom-Schatzkammer (Kathedralenschatz) – Reliquienbüste für Ludmilas Schädel (1. Viertel des 14. Jahrhunderts, vergoldetes Silber, Kristall, Amethyst), Reliquienarm; auf dem Rahmen des Veits-Veronikons ist Ludmila zwischen sechs böhmischen Landespatronen dargestellt.

Karlsbrücke – Barocke Statue der heiligen Ludmila (Werkstatt M. B. Brauns, nach 1720).

Wenzelsplatz – Am Reiterdenkmal des Heiligen Wenzel steht Ludmila zwischen vier weiteren Patronen auf dem Sockel (J. V. Myslbek, 1911).

Nationalgalerie Prag – Votivtafel aus Dubeček (um 1390, schöner Stil); František Tkadlík: Heiliger Wenzel und heilige Ludmila bei der Messe (1837); Josef Hellich: Heiliger Wenzel unterrichtet auf Tetín (1840).

Basilika der Heiligen Ludmila in Vinohrady – Neugotische Ehrung der Heiligen im Silhouettenbild des modernen Prag.

Tipp für einen Spaziergang

Beginnen Sie in der Veitskathedrale (Ludmila-Kapelle und Schatzkammer) und verweilen Sie einen Moment im stillen Kreuzgang der Basilika des Heiligen Georg an der Grabplatte der Heiligen. Gehen Sie anschließend über die Karlsbrücke zu ihrer Statue und beenden Sie den Rundgang am Wenzelsplatz bei Myslbeks Patronen. Wenn Sie Zeit für einen Ausflug außerhalb des Zentrums der Prager Geschichte haben, lohnt sich ein Abstecher nach Tetín – der Felsen über der Berounka verleiht der gesamten Legende sowohl Weite als auch Perspektive.

Kirche der Heiligen Ludmilla, Tetín | Quelle: www.facebook.com | Foto: Michal Bařinka

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