Über den feurigen Mann

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Einst lebte in der Karlova-Straße ein alter Geldverleiher. Er lieh den Bedürftigen Geld, doch die Zinsen waren so hoch, dass nur wenige es zurückzahlen konnten. Der Geldverleiher kannte kein Erbarmen und brachte so manchen Armen sogar um das Dach über dem Kopf. Mit seinem wachsenden Reichtum wuchs auch seine Angst um das Geld: Er mied den Kontakt zu anderen, verließ kaum noch das Haus, und wenn ihn Nachbarn auf der Straße sahen, grüßte er sie nicht einmal. Jeden Abend brannte in seinem Haus lange Licht, während er die Goldmünzen in seiner Truhe zählte.

 

Eines Nachts brach in der Karlova-Straße ein Feuer aus. Das Haus neben dem des alten Geldverleihers fing Feuer. Nachbarn aus der ganzen Gegend kamen zusammen, um beim Löschen zu helfen. Sie trugen weinende Kinder und Möbel aus den Flammen und taten alles, um Menschen zu retten und das Feuer einzudämmen. Erst als die Flammen das Dach erfasst hatten, rannte der alte Geldverleiher aus seinem Haus – aber nicht, um zu helfen. Die Nachbarn riefen ihm zu, doch er sagte kein Wort und taumelte mit einem schweren Geldsack über der Schulter zur Moldau. Das war das letzte Mal, dass man ihn sah.

Nach einiger Zeit begann sein Geist in der Karlova-Straße umzugehen. Man sah den alten Geldverleiher um Mitternacht mit einer schweren Last auf der Schulter die Straße entlangtorkeln und um Hilfe betteln. Es heißt, wer ihm helfe, den Geldsack von der Karlova-Straße bis zum Altstädter Ring zu tragen, könne den unglücklichen Geldverleiher erlösen. Doch wenn ein Passant Mitleid hat und sich nähert, verwandelt sich der alte Mann in eine feurige Gestalt mit glühenden Kohlen anstelle von Augen. Dann ändert selbst der Mutigste schnell seine Meinung und rennt davon.

 

Nach dem Buch von Alena Ježková: 77 Prager Legenden.

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