Über das Faust-Haus

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An der Ecke des Karlsplatzes, gegenüber dem Kloster Na Slovanech, steht ein uraltes Haus, eher ein kleiner Palast. Es soll einst Doktor Faust gehört haben, der angeblich seine Seele dem Teufel verpfändet hatte. Eines Nachts holte ihn der Teufel, und zurück blieb in einem der Zimmer nur ein rauchiges Loch. Niemand konnte es zumauern, denn die Wände stürzten nachts immer wieder ein. So blieb das Haus verlassen, und niemand wagte es, dort zu übernachten. Bis ein Student namens Mladota sich eines Abends in Fausts Haus wagte.

Er musste seine wenigen Habseligkeiten packen und seine armselige Unterkunft mit einem Rucksack auf dem Rücken verlassen, denn er war seit Wochen verschuldet. Ohne Aussicht auf eine warme Nacht irrte er durch die Straßen Prags, bis er schließlich vor Fausts Haus stand. Aus Angst und Neugier dachte er bei sich:„Warum die Nacht unter einer Brücke verbringen, wenn hier ein ganzer Palast auf mich wartet?“Er drehte den rostigen Türgriff, und die Eingangstür quietschte auf. Im Mondlicht wirkte alles gespenstisch: verdrehte Möbel und seltsame Statuen lugten aus dunklen Ecken der Korridore hervor. Ein geräumiges Esszimmer mit großem Tisch und Stühlen, ein Arbeitszimmer voller Bücher und Papiere – alles bedeckt von einer dicken Staubschicht. Im Schlafzimmer entdeckte er ein prächtiges Himmelbett, sprang hinein und schlief sofort ein, als sei er ins Wasser gefallen.
Am Morgen erwachte er und erkundete neugierig das Haus, besonders das Arbeitszimmer, das teilweise wie ein Labor eingerichtet war. Auf dem langen Tisch standen neben Papieren und Büchern zahlreiche Flaschen und Kolben mit Resten ihres Inhalts. Und mitten in diesem Durcheinander lag in einer Steinschale ein polierter Silbertaler.„Volltreffer!“, dachte der Student, hob den Taler auf und eilte zur Taverne, um sich seinen Freunden anzuschließen. Dort berichtete er, wie komfortabel seine Unterkunft gewesen war, dass er noch ein gutes Mittagessen und einige Pints getrunken hatte. Er feierte so ausgiebig, dass ihn die Dämmerung in derselben Taverne erwischte. Am Abend kehrte er zurück ins Faust-Haus, sank in die Bettdecke und schlief sofort wieder ein. Am nächsten Morgen war das Ritual dasselbe: Er entdeckte erneut einen Taler in der Schale, ging in die Taverne und wiederholte den Tag. Schon bald gewöhnte er sich an dieses seltsame Leben. Jeden Morgen nahm er einen Taler aus der Schale, trank mit seinen Freunden, ging abends zu Bett und dachte nie wieder an sein Studium. Seine Freunde beneideten ihn um sein bequemes Leben, doch tief im Herzen hätte keiner von ihnen tauschen wollen. Der junge Mann war leichtsinnig und vergaß, dass man für magische Gefälligkeiten stets einen Preis zahlen musste.

Eines Tages jedoch blieb er dem Wirt fern. Er dachte, dass vielleicht mehr als ein paar Taler in der Schale liegen könnten – vielleicht sogar Goldmünzen! Fasziniert von den Zauberbüchern begann er darin zu blättern, besonders in dem größten Band. Bis spät in die Nacht und am nächsten Tag vertieft, entzifferte er schließlich die seltsame Schrift und erkannte, dass sie der Beschwörung dunkler Geister diente.

Eine Woche verging, ohne dass Mladota seine Freunde aufsuchte. Besorgt machten sich einige mutige Männer auf den Weg zu Fausts Haus. Sie klopften vergeblich, bis sie schließlich über die Mauer in den Garten kletterten und durch ein Fenster in den Palast gelangten. Sie suchten nach Mladota und riefen seinen Namen, doch niemand antwortete. Als sie das Arbeitszimmer erreichten, bot sich ihnen ein grauenhafter Anblick: Bücher zerfetzt, Flaschen zerschlagen, ein umgestürzter Tisch mit einem dicken Buch, und in der Decke klaffte ein großes schwarzes Loch. Entsetzt flohen die Schüler aus Fausts Haus und erzählten, der Teufel persönlich habe Mladota durch die Decke entführt.

 

Nach dem Buch von Alena Ježková: 77 Prager Legenden.

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