Nur wenige haben das Glück, von einer ganzen Armee bewacht zu werden – und noch weniger über den Tod hinaus. Der heilige Norbert, Gründer des Prämonstratenserordens, ist eine solche Ausnahme. Seit fast vier Jahrhunderten ruht er in Prag. Während des Dreißigjährigen Krieges wurden seine Gebeine von kaiserlichen Truppen feierlich zum Kloster Strahov geleitet. Es ist die Geschichte einer überraschenden Wendung, von Mut und von einer Stadt, die Zuflucht und Leuchtfeuer zugleich sein kann. Norbert wurde um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert an der heutigen deutsch-niederländischen Grenze in eine Adelsfamilie geboren. Als zweitgeborenem Sohn war ihm die kirchliche Laufbahn bestimmt, und bald stieg er bis an den Hof Kaiser Heinrichs V. auf. Dann kam das Jahr 1115 – und ein Schlag aus heiterem Himmel. Ein Blitz traf ihn und veränderte sein Leben grundlegend. Das Ereignis, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte, wurde zum Wendepunkt: Er legte das seidene Hofgewand ab, kleidete sich in die schlichte Robe eines Büßers und zog als Prediger umher, der zur Rückkehr zur apostolischen Armut und Einfachheit aufrief. Nicht überall stieß er damit auf Zustimmung. Seine kompromisslosen Predigten gegen Korruption und kirchlichen Luxus machten ihm viele Feinde. Schließlich zog er sich in das abgelegene Tal von Prémontré zurück, wo er ein Kloster gründete – Keimzelle des Prämonstratenserordens.1134 starb er in Magdeburg. Es schien, als habe seine Geschichte dort ihr Ende gefunden. Doch die Wirren der Zeit sollten ihn noch einmal in den Mittelpunkt rücken. St. Norbert Kirche | Quelle: Prague City Tourism Als Magdeburg während des Dreißigjährigen Krieges protestantisch wurde und die Verehrung von Reliquien an Bedeutung verlor, drohte Norberts Grab zerstört zu werden. Der Strahover Abt Kašpar von Questenberk erwirkte die Erlaubnis zur Überführung der Gebeine, Kaiser Ferdinand II. bestätigte den Beschluss – und so setzte sich eine außergewöhnliche Prozession in Bewegung: Begleitet von Soldaten Albrecht von Wallensteins wurde der Heilige nach Prag geleitet. Ein Heiliger unter militärischem Schutz. Im Mai 1627 erreichten seine Reliquien das Kloster Strahov. Von da an wurde das Kloster zu einem geistigen Zentrum des Ordens, und Norbert selbst zählte fortan zu den Schutzpatronen Böhmens. Seine Gebeine ruhen heute in einem silbernen Sarkophag in der Basilika Mariä Himmelfahrt auf dem Strahov. Das Kloster, bereits 1143 vom böhmischen Fürsten Vladislav II. gegründet, geriet trotz vieler Prüfungen nie in Vergessenheit. Es überstand die Plünderung durch die Hussiten im Jahr 1420, die schwedische Besatzung 1648, Artilleriebeschuss 1742 und die gewaltsame Aufhebung durch das kommunistische Regime 1950 – und erhob sich doch immer wieder neu. So erscheint es beinahe wie ein Wunder, dass man noch heute in der Stille der Basilika vor Norberts Sarkophag stehen kann – einer Stille, die das Gewicht der Jahrhunderte in sich trägt. Der Blitz, der einst sein Leben verwandelte, leuchtet sinnbildlich noch immer über Prag. Er erinnert daran, dass Wandlung möglich ist – im Leben eines Einzelnen ebenso wie im Gedächtnis einer Stadt. Strahov, das Kriege und Regime überdauert hat, bezeugt dies eindrucksvoller als viele Worte. Neben der Basilika öffnet sich die berühmte Strahov-Bibliothek, eine der schönsten Klosterbibliotheken der Welt. Verweilen Sie einen Augenblick in der Stille am silbernen Sarkophag – und betreten Sie dann die Bibliothek, wo die Zeit zwischen Globen, alten Handschriften und dem Duft von Pergament anders zu fließen scheint und selbst die Stadt einen ruhigeren Atem annimmt. Der heilige Augustinus übergibt Norbert seine Ordensregeln, Miniatur aus der ersten Biografie Norberts, um 1140. | Quelle: www.wikipedia.cz Wo man die Geschichte in Prag erleben kann Strahover Kloster – Basilika Mariä Himmelfahrt • Nördliche Seitenkapelle des hl. Norbert mit dem silbernen Sarkophag • Marmorner Hochaltar mit dem Relief der Himmelfahrt Mariens sowie den Statuen des hl. Augustinus, des hl. Norbert, des hl. Hermann Joseph und des hl. Gottfried (Slivenecker Marmor, Josef Lauermann, 1766–1768) • Zyklus von zehn Ölgemälden aus dem Leben und den Wundern des hl. Norbert • An der Fassade der Basilika ganz oben seitlich: Statuen des hl. Augustinus und des hl. Norbert (Ondřej Filip und Jan Antonín Quitainer) Strahov – Haupttor • Auf dem Scheitel des Torbogens: hl. Norbert mit Putti und seinen Attributen (Patriarchenkreuz, Abtsstab; Jan Antonín Quitainer, 1752–1755) • Steinsäule mit der Figurengruppe „Der heilige Norbert besiegt den Häretiker Tanchelm“ (Jan Antonín Quitainer, 1755) Kathedrale der Heiligen Veit, Wenzel und Adalbert (Prager Burg) • Vergoldete Holzschnitzfigur des hl. Norbert an einem Vierungspfeiler (František Preiss, 1696) Karlsbrücke • Figurengruppe der böhmischen Landespatrone – hl. Norbert, hl. Wenzel und hl. Sigismund (Josef Calasanza Max, 1853) Wallfahrtskirche Maria vom Siege am Weißen Berg (Řepy) • Fresko „Der heilige Norbert blendet die Häretiker mit der Monstranz“ (Cosmas Damian Asam) Nationalgalerie Prag • Altarbild „Die böhmischen Landespatrone“ (Antonín Stevens, Öl auf Leinwand) Kirche des hl. Norbert, Střešovice • Neuromanischer Bau – die einzige Kirche in Prag, die dem hl. Norbert geweiht ist Tipp für einen Spaziergang Beginnen Sie Ihren Weg in Strahov – in der Basilika und der berühmten Bibliothek – und schlendern Sie anschließend durch die Gärten hinauf zur Prager Burg, wo Sie Norbert als steinerne Gestalt in der Kathedrale wiederentdecken können. Von dort führt Ihr Spaziergang über die Loreto zur Karlsbrücke, wo die Statuen der böhmischen Landespatrone über die Moldau wachen. Wenn es Ihre Zeit erlaubt, unternehmen Sie einen Abstecher zum Weißen Berg oder nach Střešovice – und Sie werden verstehen, warum Norberts „Blitz“ seit mehr als acht Jahrhunderten untrennbar mit Prag verbunden ist.