Der Good King Wenceslas ist eigentlich ein Prager

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Der heilige Wenzel – der „gute König“ aus dem englischen Weihnachtslied und ewige Erbe Böhmens

Christen in aller Welt singen zur Weihnachtszeit das Lied „Good King Wenceslas“. Doch nur wenige wissen, dass der „gute König“ niemand anderes ist als der heilige Wenzel von Prag – der ewige Beschützer und Erbe des böhmischen Landes. Er wurde um 907 als Sohn von Fürst Vratislav I. und Fürstin Drahomíra geboren. Seine Großmutter, die heilige Ludmila, führte ihn zum christlichen Glauben und ermöglichte ihm eine für seine Zeit außergewöhnliche Bildung.

Sie lehrte ihn lesen und schreiben und machte ihn mit mehreren Sprachen vertraut. Wenzel verstand Altkirchenslawisch, die Sprache der ersten slawischen Gottesdienste, Latein, die Sprache der Kirche und der Gelehrten Europas, Deutsch, die Sprache der mächtigen Nachbarn – und der Überlieferung nach sogar Griechisch, die Sprache der antiken Bildung und der byzantinischen Kultur. Trotz seiner Herkunft war Wenzel eher Gelehrter und Landwirt als Krieger. Er suchte den Frieden, wo andere zum Schwert gegriffen hätten. Unterhalb der Prager Burg ließ er den St.-Wenzels-Weinberg anlegen. Mit seiner über tausendjährigen Geschichte gehört er zu den ältesten Stadtweinbergen Europas – seine Lage mitten in einer Hauptstadt ist bis heute einzigartig.

Nach seiner Thronbesteigung geriet er unter den Druck des Ostfränkischen Reiches. Statt einen zermürbenden Krieg zu führen, entschied er sich für ein Friedensabkommen gegen Tributzahlungen. Dieses pragmatische Vorgehen bewahrte Böhmen vor Verwüstung und Leid. Von König Heinrich I., dem Vogler, erhielt er eine außergewöhnliche Reliquie – den Arm des heiligen Veit. Um ihr einen würdigen Ort zu geben, ließ er auf der Prager Burg die Veitsrotunde errichten. Sie wurde zum Vorläufer des heutigen gotischen Veitsdoms, des Wahrzeichens Prags und geistlichen Zentrums des Landes.

Der Heilige Wenzel | Quelle: www.wikipedia.com
Der Heilige Wenzel | Quelle: www.wikipedia.com

Doch sein Leben endete tragisch. Im Jahr 935 wurde er in Stará Boleslav von seinem jüngeren Bruder Boleslav ermordet, der später den Beinamen „der Grausame“ erhielt. Durch diese Tat gelangte Boleslav an die Macht. Vielleicht aus Reue ließ er Wenzels Gebeine nach Prag überführen – in die Kirche, die Wenzel selbst gegründet hatte. Von diesem Zeitpunkt an wurde der Fürst als Heiliger verehrt, nicht nur in Böhmen, sondern im gesamten Heiligen Römischen Reich. In Tschechien ist der 28. September, sein Todestag, bis heute kirchlicher und staatlicher Feiertag. Das Bild des gerechten Herrschers, der den Armen hilft – wie es im englischen Weihnachtslied besungen wird – verband sich so mit der Vorstellung eines Schutzpatrons des Landes.

Sein Nachfahre Karl IV., römisch-deutscher Kaiser und König von Böhmen, ließ 1346 die St.-Wenzels-Krone anfertigen und widmete sie symbolisch dem heiligen Wenzel. Kein böhmischer König besaß sie je; jeder lieh sie sich lediglich für seine Krönung. Die Krone gehört dem Heiligen. So umweht die St.-Wenzels-Kapelle im heutigen Veitsdom, die über seinem Grab errichtet wurde, bis heute die Atmosphäre eines Heiligtums. Hier begegnen sich christlicher Glaube und tschechische Staatlichkeit auf einzigartige Weise.

Geht man von der Prager Burg über die Karlsbrücke in die Stadt, gelangt man schließlich zum Wenzelsplatz. Hier wurde am 28. Oktober 1918 die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei verkündet. Hier widersetzten sich die Menschen der nationalsozialistischen Besatzung, protestierten nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts 1968 und standen 1989 während der Samtenen Revolution Seite an Seite. Vor dem Reiterstandbild des heiligen Wenzel wird unmittelbar spürbar, warum er als Erbe des böhmischen Landes gilt. Er ist keine ferne Gestalt der Vergangenheit, sondern lebendiges Gedächtnis der Nation – eine Figur, die ihr Volk seit mehr als tausend Jahren im Alltag und in entscheidenden historischen Momenten begleitet.

Der Heilige Wenzel | Quelle: Prague City Tourism

Wo man die Geschichte in Prag erleben kann

Veitsdom (Kathedrale der Heiligen Veit, Wenzel und Adalbert), Prager Burg – Die St.-Wenzels-Kapelle über dem Grab des Heiligen, einem zentralen Ort der christlichen wie auch staatlichen Geschichte Böhmens.

Kronenkammer des Doms – Hier werden die tschechischen Kronjuwelen aufbewahrt, darunter die St.-Wenzels-Krone. Der Raum ist nur in seltenen Ausnahmefällen der Öffentlichkeit zugänglich.

Wenzelsplatz – Das Reiterstandbild des heiligen Wenzel prägt diesen historischen Platz, an dem sich die entscheidenden Wendepunkte des 20. Jahrhunderts vollzogen.

St.-Wenzels-Weinberg unterhalb der Prager Burg – Seit über tausend Jahren urkundlich belegt, zählt er zu den ältesten Stadtweinbergen Europas. Seine Lage mitten in der Metropole macht ihn zu einer besonderen Rarität. Terrassen mit Blick auf die Moldau und die Altstadt.

Standort der ehemaligen Veitsrotunde auf dem Burggelände – Der Vorgängerbau des heutigen gotischen Doms und Ursprungsort der Verehrung des heiligen Wenzel.

Der Heilige Wenzel | Quelle: www.wikipedia.com
Der Heilige Wenzel | Quelle: www.wikipedia.com

Tipp für einen Spaziergang

Betreten Sie die Prager Burg vom Hradschinplatz aus und verweilen Sie im Veitsdom in der St.-Wenzels-Kapelle über dem Grab des Heiligen. Anschließend führt Ihr Weg durch den St.-Wenzels-Weinberg. Der Blick von hier über die Dächer Prags verbindet jahrhundertealte Tradition mit dem pulsierenden Leben der Gegenwart. Steigen Sie schließlich hinab zum Wenzelsplatz und treten Sie vor das Reiterdenkmal. Dort wird spürbar, warum Wenzel als Erbe des böhmischen Landes gilt.

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