Das geistige Erbe König Sigismunds, das in der europäischen Geschichte manchmal in Vergessenheit geriet, faszinierte Kaiser Karl IV. Er erwarb die wertvollen Reliquien Sigismunds und ließ sie feierlich im Veitsdom beisetzen. Karl IV. sorgte außerdem dafür, dass der burgundische König zu den Schutzpatronen Böhmens zählte, und benannte seinen zweitgeborenen Sohn nach ihm. Sigismund hat bis heute einen festen Platz im Leben Prags: Die größte Glocke des Veitsdoms trägt seinen Namen, und ihr tiefer Klang erklingt jeden Sonntag über die Stadt. Die Prager glauben, dass ein Bruch des Glockenherzens großes Unglück ankündigt – zuletzt geschah dies 2002, zwei Monate vor den verheerenden Überschwemmungen. Sigismund wurde um 475 als Sohn des burgundischen Königs Gundobald geboren. Burgund war seit dem 5. Jahrhundert arianisch geprägt, einer christlichen Sekte, die später als ketzerisch verurteilt wurde. Sigismund wandte sich vom Arianismus ab, konvertierte zum Christentum und förderte dessen Verbreitung aktiv. Vom Papst erhielt er die Reliquien des römischen Feldherrn St. Mauritius und seiner Gefährten der Thebäischen Legion. Für sie gründete er 515 ein Kloster, das dem Heiligen Mauritius geweiht war. Diese Abtei im Schweizer Kanton Wallis gilt als das vermutlich älteste noch bestehende Kloster Westeuropas. Sigismund heiratete die Tochter des Ostgotenkönigs Theoderich und hatte einen Sohn namens Sigerich. Nach dem Tod seines Vaters 516 übernahm er die Herrschaft über Burgund und wählte Genf zu seinem Sitz. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er ein zweites Mal seine Kammerfrau Prokopia. Der Überlieferung nach soll Prokopia einmal heimlich die Kleider der verstorbenen Königin anprobiert haben, woraufhin Sigismund sie zurechtwies. Die gekränkte Prokopia soll daraufhin intrigiert und Sigismund glauben gemacht haben, sein Sohn wolle ihn töten und den burgundischen Thron an sich reißen. Im Zorn heuerte Sigismund zwei Mörder an, die seinen Sohn Sigerich erdrosselten – vermutlich im Jahr 522. Der Heilige Sigismund auf der Karlsbrücke, von rechts | Quelle: www.wikipedia.com Von der Grausamkeit seines eigenen Handelns überwältigt, warf sich Sigismund über den leblosen Körper seines Sohnes, klagte bitterlich und legte sich strenge Buße auf. Er trat in das Kloster St. Mauritius ein, fastete, betete und flehte Gott um Strafe und die Gnade eines Märtyrertodes. Im folgenden Jahr fielen die Franken in Burgund ein. Sie besiegten Sigismunds Heer und besetzten einen Teil seines Reiches. Dem König gelang zwar die Flucht, doch er musste sich, als Mönch verkleidet, in eine verlassene Einsiedelei zurückziehen. Verräterische Burgunder spürten ihn jedoch auf und lieferten ihn an den fränkischen König Chloé aus. Dieser ließ Sigismund nach Orléans bringen und dort gefangen setzen – an jenem Ort, an dem sich bereits seine Frau Prokopia und ihre beiden Söhne in Haft befanden. Inzwischen erhob sich Sigismunds jüngerer Bruder gegen die fränkische Herrschaft und vertrieb die Franken aus Burgund. Chloé jedoch wollte die Niederlage nicht hinnehmen. Während er einen neuen Feldzug vorbereitete, ließ er die Gefangenen zuvor erbarmungslos hinrichten. Am 1. Mai 524 wurden König Sigismund, seine Frau und ihre beiden Söhne getötet; ihre Leichname warf man in einen Brunnen bei Colombe. So wurde Sigismunds Schuld am Tod seines eigenen Sohnes durch seinen schmachvollen Märtyrertod gesühnt. Die Gebeine der burgundischen Königsfamilie ruhten bis zum Jahr 535 in diesem Brunnen. Dann ließ der Abt des Klosters St. Mauritius die Gebeine bergen und ehrfurchtsvoll in der Klosterkirche beisetzen – ein Akt, der damals einer Heiligsprechung gleichkam. Verschiedenen Zeugnissen zufolge ereigneten sich an Sigismunds Grab schon bald zahlreiche wundersame Heilungen. Reliquiar des Heiligen Sigismund in der Kathedrale in Płock | Quelle: www.wikipedia.com Im 9. bis 11. Jahrhundert verbreitete sich der Kult des heiligen Sigismund in Frankreich und auf dem Gebiet der heutigen Schweiz.1354 brachte König Karl IV. einen Teil der Reliquien nach Prag. Zehn Jahre später erwarb er auch die übrigen Reliquien aus dem Kloster St. Mauritius. Die Gebeine wurden im Prager Veitsdom beigesetzt, und unmittelbar nach ihrer Überführung sollen Wunder geschehen sein – allein bis 1366 zählte man dreißig. Seit dieser Zeit wurde das Fest des heiligen Sigismund als das eines Schutzpatrons der böhmischen Länder begangen. Als Karl IV. 1368 einen weiteren Sohn erhielt, gab er auch ihm den Namen Sigismund. Nach dem Tod Karls IV. ließ die Verehrung des Heiligen in Böhmen jedoch nach. König Sigismund von Luxemburg brachte die meisten Reliquien seines Schutzpatrons nach Ungarn; lediglich eine Reliquienstruhe mit seinen Gebeinen verblieb im Prager Dom. Auf der Karlsbrücke erinnert nicht nur die Statue an den heiligen burgundischen König, sondern auch die Fassadendekoration des Altstädter Brückenturms, dessen Himmelskugel von den Figuren der Heiligen Adalbert und Sigismund dominiert wird. 1549 wurde die größte und schwerste böhmische Glocke, die für den Veitsdom gegossen worden war, nach dem heiligen Sigismund benannt. Bis heute wird sie – wie alle Glocken des Doms – von Hand geläutet. Sie hängen im selben Turm und erklingen jeden Sonntag. Das Zerbrechen des Herzens der Sigismundglocke gilt als unheilvolles Zeichen, das in der tschechischen Geschichte stets nationale Katastrophen oder schwere Unglücke angekündigt haben soll. Titelfoto | Der Heilige Sigismund auf der Karlsbrücke | Quelle: www.pexels.com | Autor: Shahbaz Zaman