Die Synagoge entstand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts im gotischen Stil. In ihren mehr als 750 Jahren erlebte sie zahlreiche turbulente Ereignisse – Pogrome ebenso wie Feste, die das Leben im jüdischen Ghetto prägten. Eine alte Prager Legende erzählt, Engel hätten das Gebäude aus seiner ursprünglichen Heimat zu den Prager Juden gebracht und streng befohlen, weder sein Äußeres noch sein Inneres zu verändern. Vielleicht erklärt das, warum die Synagoge über Jahrhunderte nahezu unverändert blieb. Nach einer anderen Überlieferung gruben Prager Juden sie auf einem nahen Hügel aus, wo sie unter einer Lehmschicht verborgen gewesen sein soll. Auch ihr Name wird oft mit dieser Geschichte erklärt – alt und doch neu. 1558 wütete ein verheerendes Feuer im Ghetto, doch die Altneu-Synagoge blieb wie durch ein Wunder verschont. Der Legende nach retteten sie zwei Tauben, die sich während des Brandes auf ihr Dach setzten und ausharrten, bis die Gefahr vorüber war – angeblich zwei jener Engel, die sie einst nach Prag gebracht hatten. Staronová synagoga | Zdroj: Prague City Tourism, foto: Richard Horák Die Synagoge besitzt zwölf Fenster – so viele wie die Stämme Israels. Der Eingang führt durch ein gotisches Portal mit in Stein gehauenem Weinrankenornament. Vom dunklen Vorraum steigt man neun Stufen hinab in die Haupthalle mit ihrem gotischen Gewölbe, deren Wände hebräische Inschriften schmücken. Mit der Synagoge ist untrennbar das spirituelle Erbe des Prager Rabbiners Jehuda Löw verbunden, auch bekannt als der Maharal. Seine Weisheit und seine Kenntnis der geheimen Lehren verschafften ihm in der jüdischen Welt Europas großes Ansehen. Der Legende nach erschuf er Ende des 16. Jahrhunderts einen Golem – ein Wesen aus Lehm –, um das Ghetto vor Verfolgung zu schützen. Als er einmal vergaß, dem Geschöpf den magischen Schem zu entziehen, geriet es außer Kontrolle und begann alles zu zerstören. Der Rabbi war daher nach dem Singen der Psalmen 92 und 93, mit denen der Schabbat begann, gezwungen, den Gottesdienst in der Altneu-Synagoge zu unterbrechen und zum Golem zu eilen, um ihm das Schém zu entfernen. Nach seiner Rückkehr ließ er die Psalmen erneut singen, als sei nichts geschehen – ein Brauch, der hier bis heute gepflegt wird. Der Überlieferung zufolge verbarg Rabbi Löw den leblosen Golem gemeinsam mit seinen Schülern auf dem Dachboden der Synagoge und verbot fortan streng, diesen zu betreten. Sogar die Außentreppe ließ er entfernen, sodass die Tür nur noch über eine Leiter erreichbar war. Trotz des Verbots bestieg der bedeutende Prager Rabbiner Jehuda Landau im 18. Jahrhundert den Dachboden. Er kehrte jedoch bleich und verstört zurück und erneuerte das Verbot. Seit Jahrhunderten versuchen Menschen, das Geheimnis des Golems zu lüften. Auch der Prager Journalist Egon Erwin Kisch folgte dieser Spur. Während des Ersten Weltkriegs begegnete er einem armen jüdischen Landbewohner, der ihn mit seinem Wissen über das Ghetto und die Golem-Legende beeindruckte. Nach dem Ende des Krieges beschloss Kisch bereits als Reporter der Zeitung Prager Tagblatt im Jahr 1920, den Dachboden der Altneu-Synagoge zu betreten, um die Überreste des Golems zu finden. Den Zutritt erhielt er mit Genehmigung der jüdischen Gemeinde. In der Reportage Auf den Spuren des Golem schilderte Kisch anschließend seine Eindrücke: „Über die ganze Breite zieht sich eine eiserne Stütze, eine Leiter, mit einer Eisenklammer befestigt, führt neun Meter hinauf bis zum Dachfirst; hier liegen achtlos ein altes Kaminrohr und Ziegel, daneben ein toter Vogel, der hier in Einsamkeit gestorben ist, außerdem Kieselsteine; auf dem Gebälk wuchern Pilze von grotesken Formen. An einem Balken hängt eine Fledermaus kopfüber. (…) Zwischen den tiefen, gewölbten Rücken der Wölbungen über der Stützmauer liegt seit Jahrhunderten Schotter. Wenn dort das lehmene Werk des großen Rabbi Löw begraben ist, dann ist es dort bis zum Jüngsten Tag begraben. Wollte man es exhumieren, würde das Haus Gottes einstürzen …“ Den Körper des Golems entdeckte Egon Erwin Kisch auf dem Dachboden der Synagoge nicht. Er erwähnte jedoch ein Gerücht über drei Männer, die im 19. Jahrhundert den Lehmkörper gestohlen und in ein Haus im alten Ghetto gebracht haben sollen. Als ihre Versuche scheiterten, ihn wiederzubeleben, hätten sie ihn in einem Sarg auf den jüdischen Friedhof gebracht – an den Ort, wo heute der Fernsehturm von Žižkov steht. In den 1980er Jahren suchte auch der tschechische Forscher Ivan Mackerle mit geologischem Radar nach Spuren des Golems unter der Synagoge – ebenfalls ohne Erfolg. So wartet die Geschichte von der Ruhestätte des magischen Wesens Golem auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge weiterhin auf ihre Auflösung.